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V O R W O R T zu "Bruno Wille ein Mystiker in der Mark":
Bruno Wille für unsere Zeit
Bruno Wille ist heute nur noch Eingeweihten bekannt - zu unrecht, wie
Klaus Hugler in seiner Publikation nachweist. Denn er war kein Mensch,
der dem wilhelminischen Zeitgeist der sogenannten Gründerzeit vor dem
ersten Weltkrieg gefolgt ist. Zwar war er auch Gründer. Aber im
Gegensatz zu anderen gründete er Vereine, die sich gerade kritisch mit
dem Zeitgeist auseinander setzten. Für die preußische Obrigkeit war er
alles andere als pflegeleicht. 1895 wurde er sogar inhaftiert, eine
Episode, über die er sich später in der Schrift "Das Gefängnis zum
preußischen Adler. Eine selbsterlebte Schildbürgerei" lustig machte.
Er war ein kreativer Macher würden wir heute sagen, dem es insbesondere
gelang, eine politisch-pädagogische Wirksamkeit gegenüber seinen
Zeitgenossen zu entfalten. Aber trotz seines besonders in den achtziger
und neunziger Jahren bewegten, ja spannenden Lebens, das auch nach
heutigen Maßstäben von hohem Interesse ist und zur Beschäftigung mit
seiner Biografie einlädt, sind es seine philosophischen Gedanken und
Abhandlungen, die zur Auseinandersetzung herausfordern. Dabei ist der
Weg zu seiner Philosophie nicht gradlinig, steuert aber doch
zielgerichtet auf dem religiösen Monismus zu.
Darüber, wie er eingeschätzt wurde, und wie er sich selbst sah, gibt ein
Zitat aus dem Jahre 1890 Auskunft. "Nennt man mich aber Naturalist,
Atheist, Demokrat, Sozialist, Anarchist, so lasse ich mir das gefallen
..." Damit ist sicher auch das Spektrum seiner Aktivitäten in diesen
Jahren ganz gut umschrieben. Für heutige Verhältnisse mag das eine etwas
schillernde Zusammenstellung sein. Andererseits passt es aber auch
wieder ganz gut zusammen. Und es gibt heute bestimmt junge Menschen, die
sich mit diesem Anspruchsrahmen identifizieren würden - vielleicht mit
einer etwas modifizierten Begrifflichkeit.
Wenige Jahre später kommt Bruno Wille freilich zu einer
differenzierteren Einschätzung. Im Hinblick auf mit ihm in Beziehung
gebrachte Lehren und Bewegungen stellt er fest: "Und wenn ich selbst im
einzelnen ebenfalls des Wertvollen viel an ihnen finde, so mag ich
diesen Bewegungen doch nicht als ein ...ianer oder ...ist
nachlaufen." Da wird sicher auch ein Prozess der Bewusstwerdung und
eines gestiegenen Selbstbewusstseins deutlich. Schließlich war er auf
dem Weg zu einer eigenen Philosophie. Dabei spannt er den weiten Bogen
von der Philosophie der Befreiung bis hin zur Philosophie der
Liebe. Die Beschäftigung mit Giordano Bruno und die Rückbesinnung
auf seine Weltanschauung erweist sich für ihn auf diesem Weg als
weiterführend und prägend.
Faszinierend aus heutiger Sicht ist an Bruno Wille seine Vielseitigkeit.
Er war Dichter und Schriftsteller, zu seiner Zeit gleichermaßen
erfolgreich mit seiner neuromantischen Lyrik und seinen Romanen, in
denen er seinen populär-philosophischen Thesen poetische Gestaltung
verleiht. Er war Philosoph und Pädagoge. Als Philosoph der Nutzanwendung
ist er heute noch überraschend aktuell insbesondere durch seine stark
naturphilosophisch geprägte Lehre. Und als Pädagoge hat er mit der
Freien Volksbühne und der Neuen Freien Volksbühne ein Kultur-Forum
geschaffen, das auch hundert Jahre später noch nach fast demselben
Konzept arbeitet.
Ich scheue mich zu sagen, dass er Politiker war. Zwar hat er politisch
gewirkt, aber eine parlamentarische Karriere bewusst ausgeschlagen.
Trotzdem sind die Bezeichnungen Sozialist, Demokrat, Anarchist natürlich
nur im politischen Kontext zu verstehen. Und schnell legte er sich mit
dem politischen Establishment seiner Partei - den Sozialdemokraten - an.
Er war kein Parteimensch, wie er selbst sagte, und bewahrte sich seine
Unabhängigkeit. Er verfügte über ein hohes maß an moralischer Integrität
und lieferte gerade für die vielen Suchenden Maßstäbe als
Orientierungsrahmen zum gesellschaftlich und politisch
verantwortungsvollen Handeln.
Solche Menschen sind heute sehr rar, wenn es sie überhaupt noch gibt.
Vielleicht ist es das was Klaus Hugler veranlasst hat, Bruno Wille für
unsere Zeit wieder zu entdecken. Diese Rückbesinnung ist eine Einladung
zur Beschäftigung mit einem sozial verpflichteten, ökologisch bewussten
Praktiker des Geistes und der Moral, einem Menschen der - so ist man
geneigt zu behaupten - wieder in unsere heutige Zeit passt, fast besser
als in die zeit seiner eigenen Jahrhundertwende.
Dr. h. c. Hinrich Enderlein
Wissenschafts- und Kulturminister a. D. des Landes
Brandenburg
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