Adolf Damaschke
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Buchbesprechung von Siglinde Bode:

„Wenn man die Namen von Bürgermeistern und Präsidenten nur noch in verstaubten Katalogen wird finden, so wird noch im Bewusstsein der Menschen leben und glänzen der Name Henry George.“ Diese Worte einer Grabrede, gesprochen am 31. Oktober 1897 in New York, sollten sich nicht bewahrheiten. Henry George (1839-1897) ist heute weitestgehend aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden. Dabei kann er als einer der einflussreichsten ökonomischen Denker des 19. und frühen 20. Jahrhunderts und neben Thomas Edison und Mark Twain als einer der berühmtesten Amerikaner seiner Zeit gelten. Diese Berühmtheit, verbunden mit internationaler Anerkennung, errang er mit seiner Idee der Bodenwertsteuer, niedergeschrieben in seinem populären Hauptwerk „Progress and Poverty“ (1879, „Fortschritt und Armut“). Nur die Bibel verkaufte sich damals öfter. Ebenso gerieten Person und Werk Adolf Damaschkes (1865-1935) in Vergessenheit, der, inspiriert von den Ideen Georges, zu den Begründern der Bodenreformbewegung Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland zählt.

Klaus Hugler und Hans Diefenbacher wollen unter Mitarbeit von Judith Baumgartner und Alan Nothnagle Leben und Wirken dieser zwei herausragenden Persönlichkeiten mit ihrem Buch „Adolf Damaschke und Henry George. Ansätze zu einer Theorie und Politik der Bodenreform“ wieder ins öffentliche Gedächtnis rufen. Dies ist im Sinne der Autoren nicht nur der historischen gesellschaftspolitischen Bedeutung der Bodenreformbewegung geschuldet. Die hier skizzierten Ideen Georges und Damaschkes weisen auch eine bemerkenswerte Aktualität hinsichtlich der sozialen und ökonomischen Ungleichgewichte und der daraus resultierenden Probleme der gegenwärtigen kapitalistisch orientierten Wirtschaftsordnung auf.

 „Ein Mann, dem widersprochen wurde“ – so beginnt Hugler den ersten, sehr aspektreich geschriebenen Teil des Buches. Hugler umreißt die Biographie des Politikers, Bodenreformers und Pädagogen Adolf Damaschke vor dem Hintergrund einer vom Industriekapitalismus geprägten Zeit. Weiterhin werden die Grundgedanken aus seinem international hoch aufgelegten Werk „Die Bodenreform“ (1902) dargestellt. Damaschke beschäftigte Zeit seines Lebens die Lösung der sozialen Frage, der zunehmenden Ungleichverteilung von Armut und Reichtum. Weder die kapitalistische Wirtschaftsordnung mit dem damit einhergehenden einseitigen Individualismus, noch der einseitige soziale Kollektivismus der kommunistischen Lehre versprachen ihm die Lösung dieses Problems. Sein politischer Leitgedanke war vielmehr „eine Wirtschaftsordnung, die soziale Gerechtigkeit und persönliche Freiheit organisch vereint!“ (Damaschke, zit. n. Hugler, S. 25) Damaschkes Bodenreformidee gründet sich auf ein Menschbild, das die individuelle mit der sozialen Seite des menschlichen Wesens verbindet. Er schlug vor, dass die Grundrente, also das aus dem Besitz oder der Nutzung des Bodens erzielte Einkommen, als soziales Eigentum gemeinnütziger Verwendung zufließt, während Kapital und Arbeit weiterhin privates Eigentum bleiben sollten. In dieser Regelung der Eigentumsverhältnisse sah Damaschke die „unentbehrliche Voraussetzung“ für eine wirtschaftliche Entwicklung bei gleichzeitigem sozialen Ausgleich.

Im zweiten Teil des Buches stellt Diefenbacher  in neun Kapiteln die „Geschichte der Nationalökonomie“ vor, ein über Jahrzehnte populäres Werk Damaschkes, das in 14 Auflagen von 1905 bis 1929 eine Auflagenhöhe von 100.000 Exemplaren erreichte. Diefenbacher hält die Analyse dieses Werkes unter anderem auch deshalb für ertragreich, weil es „als ein gewichtiger Beitrag zur theoretischen Basis einer sozialen Reformbewegung“ gelten kann, „deren Spuren noch immer zu entdecken und deren Anfragen an die Ordnung der Gesellschaft nach wie vor aktuell sind.“  (Diefenbacher, S. 45) Diefenbacher konzentriert sich in seiner leserfreundlichen 34seitigen Zusammenfassung des zuletzt fast tausendseitigen Werkes auf den bodenreformerischen Fokus, unter dem Damaschke die Epochen der volkswirtschaftlichen Theorie-Entwicklung betrachtete und damit selbst ein bemerkenswertes Zeugnis für eine bestimmte Dogmengeschichtsschreibung liefert.

Im dritten Teil des Buches lassen die Autoren Adolf Damaschke selbst zu Wort kommen. Der 19seitige Auszug aus seinem Buch „Die Bodenreform“ widmet sich dem „Leben und Wirken von Henry George“ und gibt dem Leser einen lebendigen Eindruck von der bewegten Biographie Georges im von Unruhe und wirtschaftlichem Aufbruch geprägten Amerika des 19. Jahrhunderts. Überdies liefert dieser Textauszug ein in Sprache und Stil beeindruckendes Zeitzeugnis von Damaschkes publizistischer Tätigkeit.

Im vierten Beitrag des Buches spannt Alan Nothnagle unter der Überschrift „Spiel mir das Lied der Gerechtigkeit – Henry Georges `Fortschritt und Armut` und die Suche nach einer humanistischen Ökonomie“ gekonnt den Bogen von einer Charakterisierung der gesellschaftspolitischen und ökonomischen Verhältnisse des amerikanischen Westens im 19. Jahrhundert über die Würdigung der amerikanischen Reformtradition bis hin zum Leben und Wirken des „Abenteurers, Pioniers, Selfmademan und unabhängigen Denkers“  Henry George. Nothnagle konkretisiert in diesem Buchabschnitt die Grundzüge der Bodenreform und der Bodenwertsteuer, wie sie George in seinem Werk „Fortschritt und Armut“ darlegte. Nothnagle bewertet es als „synthetisches Werk, das die Klassiker der damaligen Nationalökonomie zusammenführte“ (Nothnagle, S. 116).

Phänomene wie das massive Wachstum der westamerikanischen Städte und der Triumph der Eisenbahn konzentrierten sich für den jungen George in der Frage, warum ökonomisches Wachstum niedrigere Löhne und höhere Arbeitslosigkeit nach sich zog. Warum wurden Fortschritt und Wachstum von wachsender Ungleichheit und Armut begleitet? George erkannte, dass der konzentrierte Privatbesitz an Grund und Boden und nicht etwa der Privatbesitz an Produktionsmitteln der Kern des Problems war. Durch Großgrundbesitz und Bodenspekulation „konnten unproduktive Personen unermessliche Vermögen anhäufen und die Wirtschaft in ihrem eigenen Interesse lenken, während die wirklich produktiven Kräfte einer Gesellschaft zwangsläufig in Armut und Ausbeutung gezwungen wurden.“ (Nothnagle, S. 113) Auf diese Erkenntnis gründete George seine Idee der Bodenwertbesteuerung. Die Bodenreform sah die Abschaffung aller Steuern vor bis auf eine einzige: die einfache Steuer auf die Grundrente. Diese Steuer sollte allgemeinnützigen  öffentlichen Zwecken zufließen. Gebäude, Fabriken und Gerätschaften sollten nicht besteuert werden. Die Bodenwertsteuer würde die Bodenspekulation beenden, den Großgrundbesitz auflockern und zudem der Gerechtigkeit dienen, denn nur die Gemeinschaft würde belastet werden. Die produktiven Kräfte der Individuen könnten sich in unbesteuerter Arbeit hingegen frei entfalten. Mit der Bodenreform schlug George einen dritten Weg zwischen Kapitalismus und Kommunismus ein. Er erkannte, „dass ein gerechter Zugang zum Boden und seinen Schätzen die Grundlage einer Ordnung ist, in der alle gewinnen können.“ (Nothnagle, S. 125)

Im fünften und sechsten Buchabschnitt werden von Nothnagle und Baumgartner zwei bodenreforminspirierte Projekte vorgestellt, die bis heute existieren: die Bodenwertsteuer-Kolonie „Fairhope“ im US-Bundesstaat Alabama, 1894 gegründet von Ernest B. Gaston sowie die Siedlungs- und Gartenbaugenossenschaft Eden-Oranienburg bei Berlin, gegründet 1893 von Bruno Wilhelmi. Sowohl Nothnagle als auch Baumgartner dokumentieren die Entstehungsgeschichten dieser Projekte kundig mit Daten über politische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen sowie den wesentlichen Informationen über die Persönlichkeiten, die diese Projekte ins Leben riefen.

Abschließend verfolgt Diefenbacher die Entwicklung des Bodenreformgedankens in Deutschland nach Damaschkes Tod. Auch wenn er eingesteht, dass die Bodenreformidee Damaschkes im Gesellschaftssystem damals wie heute politisch nicht durchsetzbar sei, weil sie ein komplett neues System etablieren wolle, so schätzt Diefenbacher doch zwei ihr innewohnende „wesentliche Anfragen an die Wirtschaftsordnung nach dem Ende des `real existierenden Sozialismus`“: Zum einen ist es die Überlegung, dass die natürlichen Ressourcen Allgemeingut sind – „aber Allgemeingut der Ökonomen ist [dieser Gedanke] am Anfang des 21. Jahrhunderts in keiner Weise.“ (Diefenbacher, S. 162) Die andere Überlegung ist, dass sowohl Damaschke als auch George an die Möglichkeit eines Weges zwischen Kapitalismus und Kommunismus glaubten, „der die Freiheit des Einzelnen im Rahmen einer gemeinwohlorientierten Wirtschaft zur Geltung zu bringen hätte, in der die natürlichen Ressourcen als öffentliche Güter betrachtet werden. Den mit dieser These verbundenen Anfragen muss sich die Wirtschaftsordnung auch heute stellen.“ (ebd.)

 

In der Tat ist der Leser bei der Lektüre des besprochenen Buches des öfteren überrascht, wie fruchtbar die Ideen von George und Damaschke sich noch nach mehr als hundert Jahren auf Gegenwartsfragen beziehen lassen. Die postindustriellen Gesellschaften verzeichnen eine zunehmende Disparität zwischen Arm und Reich und müssen sich bei anhaltendem technologischen Fortschritt und wachsender Produktivität dem Phänomen der Massenarbeitslosigkeit erwehren. Vereinfachung des Steuersystems, Privatisierung kommunalen und staatlichen Eigentums zur Verkleinerung der Haushaltsdefizite, Suburbanisierung, Einzelhandel auf der Grünen Wiese  – das sind nur wenige der Themen, für deren Erörterung die Einbeziehung der Bodenreformansätze sinnvoll erscheint. Sicher, die Zeit ist weitergegangen, und die globalen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Wirkungszusammenhänge sind vielschichtig. Heute übertreffen die Spekulationen auf den internationalen Finanzmärkten in Ausmaß und Wirkung bei weitem die Bodenspekulation, wie George sie erlebte. Doch zählt neben der Ordnung der Geld- und Finanzsysteme die Bodenordnung nach wie vor zu den zentralen Elementen der Wirtschaftsordnung und -entwicklung. Das Buch Huglers und Diefenbachers ermöglicht auch dem ökonomischen Laien einen anregenden Zugang zu der Bodenfrage. Alle beteiligten Autoren beweisen ihren kenntnisreichen und kritisch reflektierten Umgang mit dem Thema durch eigene Studien und zahlreiche weiterführende und ergänzende Quellenangaben. Gleichwohl vermisst der Leser stellenweise eine bessere inhaltliche Abstimmung zwischen den einzelnen Beiträgen. Auch bleiben einige Fragen ungeklärt. Insbesondere fehlt eine Erläuterung, wie man sich die Umsetzung der Grundsteuer konkret vorzustellen hat. Das vorliegende Buch motiviert dadurch gleichzeitig zur weiterführenden Lektüre der Primärliteratur von George und Damaschke. Hugler und Diefenbacher ist eine breite Leserschaft zu wünschen, damit die weitreichenden Ideen der Bodenreformer wieder die Aufmerksamkeit erhalten, die ihnen auch in der Gegenwart zusteht.

 

Klaus Hugler, Hans Diefenbacher: Adolf Damaschke und Henry George. Ansätze zu einer Theorie und Politik der Bodenreform. Metropolis-Verlag 2005. Broschiert, 180 Seiten. 19,80 €

 

 

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