|
Mein Weg zu Tolstoi:
Leben gegen den Mainstream – Versöhnung im Geiste Jesu
Gibt es so etwas wie einen roten Faden im Leben eines
Menschen? Diese Frage stellt sich wohl, wenn man die Brüche im eigenen Leben
bewusst wahrzunehmen beginnt; es ist die Frage nach der Kontinuität in der
Diskontinuität der eigenen Existenz.
Mir stellte sich diese
Frage erst sehr spät, lange, nachdem ich aufgebrochen war, um den Weg, den Gott
mir gezeigt hatte, zu gehen; verstand ich doch unter dem roten Faden damals
nicht das äußerliche Dazugehören zu einer Familie oder Kirche, sondern den roten
Faden, der von bleibender Dauer ist, wenngleich unsichtbar, so doch über jede
Zerstörung erhaben. Ich meinte also das, was Paulus in seinem Brief an die Römer
als das Entscheidende beschrieben hat, von dem uns nichts trennen kann –
die Liebe Gottes. Ja, diese Liebe Gottes ist es, die ich noch immer suche, die
ich damals meinte und die ich auch heute noch suche, selbst wenn ich mir dessen
nicht immer bewusst bin, dass gerade dies der rote Faden des Lebens ist. Aber um
zu suchen, muss man aufbrechen.
1. Wann begann bei mir
dieser Aufbruch ?
Vielleicht schon, als ich
an der Seite meines Großvaters in die alte Dorfkirche ging. Und dieser Gang war
damals nicht nur Bekenntnis zu einer familiären Tradition, sondern in dem
erklärtermaßen atheistischen Staat DDR auch so etwas wie ein politisches
Bekenntnis und deshalb auch Ausdruck einer oppositionellen Haltung. Das traf
auch auf meine Familie zu, obwohl das Amt des Pfarrbauern und Kirchendieners in
der Familie bis auf den 30jährigen Krieg zurückging und damit zur
Familientradition gehörte. Bereits als Kind fühlte ich das. Und schon damals
wurde ich mir dessen bewusst, dass ich damit anderen Dingen nachging als meine
Schulkameraden, die am Sonntagmorgen Fußball spielten oder den Fernsehapparat
eingeschaltet hatten.
Selten kam auch die alte
Frau Schilka in den Gottesdienst, aber mit einer gewissen Regelmäßigkeit
erschien die kleine und rüstige Rentnerin bei meinen Großeltern, um sich vom
Abreißkalender die Blätter mit der Bibelauslegung zu holen. Mehr und mehr weckte
diese alte Frau damals mein Interesse. Ihr Leben bestand aus lauter
Merkwürdigkeiten. Sie war es, die die Verstorbenen im Dorfe wusch und für die
letzte Ruhe einkleidete und bettete, ein Dienst, der mir als Kind unheimlich
erschien. Sie wohnte am Rande des Dorfes hinter dem Friedhof und vor den sich
dahinter anschließenden Feldern in einem alten Eisenbahnwagen, sommers wie
winters. Dieser Wagen war ihr Wohnhaus. Meine Neugier muss so groß gewesen sein,
dass ich sie eines Tages in ihrem „Wohnwagen“ besuchte. Alles, was sie zum Leben
brauchte, war in den vormals zwei Abteilen aufs Engste beieinander und alles
schien eben so alt zu sein wie sie - das Bett und ihre Wäsche und die Möbel und
erst recht ihre alte abgegriffene Bibel, in der sie jeden Tag las, und die sie
nun auch bei meinem Besuch aufschlug. Ich weiß nicht mehr, was sie mir damals
vorlas, aber die Geschichte ihres Lebens, die sie mir dann erzählte, hat sich
mir unauslöschlich eingeprägt. Aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten stammend
hatte sie ihren Mann im Ersten Weltkrieg verloren und einen ihrer beiden Söhne
im Zweiten. Auf der Flucht vor der anrückenden Ostfront im Winter des Jahres
1945 war der Treck, dem sie angehörte, von Sowjetsoldaten überrollt worden.
Einer von ihnen hatte sich ihrer bemächtigen wollen; als sie sich widersetzte,
zog er seine Pistole, legte sie ihr auf die Brust und drückte ab ... Als sie mir
davon erzählte, sagte sie folgendes: „Dann hörte ich eine Stimme, die zu mir
sprach: ‚Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.’ Ich fragte mich, wer es
wohl sei, und erkannte die Stimme Gottes. Ich öffnete ihm die Tür meines Herzens
und seitdem lebt Jesus in mir. Als ich mich im Straßengraben, wo ich mich
befand, erheben wollte, um aufzustehen, spürte ich einen stechenden Schmerz über
meiner linken Brust und griff an die schmerzende Stelle. Dorf fand ich meine
Geldbörse unter der zerfetzten Jacke. Dann erst fiel mir die Pistole des
Soldaten wieder ein, und als ich die Geldbörse öffnen wollte, stellte ich fest,
dass das 5-Mark-Stück mit dem Abbild Hindenburgs mir in wunderbarer Weise das
Leben gerettet hatte. Der Schuss aus der Pistole hatte die Münze in der Mitte
getroffen. - So war Gott zu mir!“
Wie Gott zur ihr war, das
erzählte sie jedem, sogar dem Bürgermeister und dem Volkspolizisten, ob sie es
nun hören wollten oder nicht. Frau Schilka hätte nach ihrem schweren Schicksal
auch klagend sagen können: Ich habe keinen Menschen, verbittert und verzweifelt
darüber, wie übel ihr das Leben doch mitgespielt hatte. Aber sie strahlte eine
eigenartige und mir unbekannte Zufriedenheit aus, wie sie mir im Dorfe nicht
begegnet ist, und wie ich sie bis auf den heutigen Tag selten bei einem Menschen
gefunden habe. Und noch etwas erschien mir bemerkenswert. Alle Jahre wieder
bekam sie von dem einzigen ihr noch verbliebenen Sohn, der in den USA lebte und
damit für sie – es war die Zeit des sogenannten Kalten Krieges – ebenfalls
gewissermaßen verloren gegangen war, ein Paket. Wenn dieses Paket damals in dem
Dorf ankam, dann wusste es bald danach das ganze Dorf, denn ein Paket aus den
USA, das war so etwas ähnliches wie Post vom Mars. Und was tat Frau Schilka mit
dem kostbaren Inhalt? Sie verschenkte ihn an eine kinderreiche Familie, deren
Gören vielen vernachlässigt erschienen und deren Mutter nach der allgemeinen
Meinung im Dorfe ein unmoralisches Leben führte. Mir aber wurde mit der Zeit
klar, dass bei dieser Frau das Reden von der Liebe Gottes und die tätige
Nächstenliebe eine Einheit geworden waren.
Geben ist seliger als
nehmen, war ihr Motto, und das aus gutem Grund! Bis auf den heutigen Tag ist mir
die Begegnung mit ihr das stärkste Plädoyer für ein überzeugendes Gegenleben zu
einer Welt, in der alle nur nach dem Haben trachten.
Vielleicht ist es sogar die
Begegnung mit Frau Schilka gewesen, die mir Jahre später die Ohren für die
Botschaft der Bibel geöffnet hat. So saß ich dann, inzwischen 16jährig, wie so
oft sonntags in der Dorfkirche, als ich in der Predigt ein Wort aus dem
Jakobusbrief ausgelegt bekam, das mich in meinem Innersten tief erschütterte.
Mir war, als würde der Boden meiner Seele umgepflügt und ein verborgener Schatz
zu Tage gebracht, als ich die Worte vernahm „Wisset ihr nicht, dass die
Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer der Welt Freund sein
will, der wird Gottes Feind sein?“ Deutlicher hätte keiner ausdrücken können,
was ich selbst empfand und erlebte! Meine Umwelt mit ihrer verlogenen
bürgerlichen Doppelmoral sozialistischer Prägung war doch so, dass ich sie auch
nur ablehnen konnte, und aus diesem Grunde erfuhr ich wiederum die Ablehnung
meiner Umwelt. Plötzlich fühlte ich mich verstanden, und das durch die Worte der
Bibel. So griff ich nun selbst zu diesem Buche und las zunächst das Neue
Testament vom Matthäusevangelium bis zu den Offenbarungen des Johannes. Dabei
erlebte ich die Kraft Gottes. Eine Offenbarung besonderer Art wurde mir bei der
Lektüre des Johannesevangeliums zuteil. Als ich die Worte in Johannes 8, 32
las, gingen mir die Augen auf, weil ich dabei eine Erkenntnis gewann, die ich
später so beschrieb: „Dort heißt es: ‚Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die
Wahrheit wird euch frei machen ... Wenn euch der Sohn frei macht, so seid ihr
recht frei.’ Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen, als ich die Entdeckung
meines Lebens machte. Die Wahrheit ist keine Anschauung oder Lehre. Die Wahrheit
ist eine Person. Jesus ist ihr Name. Er hatte mich gesucht und nun gefunden. Wer
bei ihm ist, ist wirklich frei.“[1]
Alle Auseinandersetzungen,
die in meinem Leben danach kamen, waren nur Folgen dieser Entdeckung, so wie die
herbstlichen Früchte des Feldes die Folgen einer zuvor erfolgten Saat sind; es
waren in besonderer Weise
-
meine Verweigerung des Wehrdienstes
-
die beginnende Observation durch das Ministerium für Staatssicherheit
-
mein Weg bis zum Diakon.
Auf welches Abenteuer
hatte ich mich damit eingelassen? Wird sich mein Glaube auch im Alltag bewähren
können? Das wurden meine neuen Fragen.
2. Bewährung im Alltag
des Lebens
Nach meiner Ausbildung zum
Diakon war ich in einer Kleinstadt im Norden Brandenburgs als Jugendwart in der
Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen tätig und gründete selbst eine
Familie. Das war Anfang der 80er Jahre, als in Europa die Mittelstreckenraketen
der Sowjets und der Amerikaner stationiert worden waren, im Westen Deutschlands
der Film „The Day After“[2]
lief und in der Hitparade der Titel „Besuchen sie Europa, solange es noch steht“
zu hören war. Meiner Frau und mir war ein Kind geboren. Mitten in der
politischen Weltuntergangsstimmung sind wir dadurch auf Zukunft eingestellt
worden. Viele Leute fühlten sich von unserer Zuversicht angezogen, so dass unser
Haus immer voller Gäste gewesen ist. Aber das war auch dadurch bedingt, dass wir
mit der kirchlichen Jugendarbeit sozusagen die subversive Kultur der
DDR-Opposition in die Kleinstadt gebracht hatten, die wiederum viele der Kirche
entfremdete Menschen in Kontakt zu uns brachte. Damals erreichte mich die
Einberufung zum Wehrdienst, von dem ich für die Zeit meines Studiums
zurückgestellt worden war. Nun sollte ich endlich meinen Wehrdienst als
Bausoldat ableisten, also ohne Waffe. Meine persönlichen Umstände, wie die Sorge
für die junge Familie, legten diesen Weg nahe; ja, es war mir geradezu geboten
zu den Bausoldaten zu gehen, taten es doch die meisten Gesinnungsgenossen unter
vergleichbaren Umständen ebenso. Was für mich bei der Entscheidung für eine
totale Verweigerung den Ausschlag geben sollte, war die Stimme meines Gewissens
und die Unmöglichkeit, einen Eid oder ein Gelöbnis bei Dienstantritt abzulegen.
So blieb mir nichts anderes übrig, als auch den Dienst bei den Bausoldaten zu
verweigern. Ich stand mit dieser Entscheidung allein da, fand angesichts der
damit verbundenen drohenden Konsequenzen auch im familiären Umfeld kein
Verständnis, standen doch nun etwa zwei Jahre Gefängnis in Aussicht. Wenn ich
dann damals doch nicht ins Gefängnis gekommen bin, habe ich das einem tapferen
Neuruppiner Arzt zu verdanken, der an jenem Tag, als ich meine schriftliche
Totalverweigerung im Wehrkreiskommando abgeben wollte, dorthin zum Dienst in der
Musterungskommission bestellt war. Ich betrat also an jenem Tag mit dem Zettel
in der Hand den Flur des Gebäudes und hätte mich mit der Abgabe meiner Erklärung
einer Verurteilung zur Gefängnisstrafe ausgesetzt, hätte meine schriftliche
Erklärung doch den Staatsorganen schwarz auf weiß den Grund für eine Anklage und
die nachfolgende Inhaftierung geliefert. Als wir, jener Arzt und ich, uns im
Flur begegneten, waren wir allein, ohne dass ein Augen- oder Ohrenzeuge weit und
breit zu sehen war. Geistesgegenwärtig fragte jener Arzt, der mich – und
vielleicht auch meinen Fall – kannte, danach, was ich denn hier wolle, und
verwies mich nach meiner kurzen Erklärung des Hauses, so dass der Kelch des
Gefängnisaufenthaltes damals an mir vorüber gegangen ist. Jene Erklärung
befindet sich noch heute in meinen Händen.
Diese Erfahrung mit der
ganzen Dramatik, die ihr innewohnte, hat mir zweierlei klar werden lassen;
erstens, dass es Situationen gibt, in denen ein Mensch ganz allein vor seinem
Gott steht. Ich sah mich damals vor die Frage gestellt, ob ich Gott oder den
Menschen gehorchen solle. Zweitens begriff ich, dass das Leiden, um der
Gerechtigkeit willen keine Schande ist, selbst wenn es von einer staatlichen
Autorität oder einer vermeintlichen öffentlichen Meinung so dargestellt wird.
Und wer sagt uns denn, dass nicht auch im Leid Glück zu finden sein kann?
Entspricht denn jenes Votum Dostojewskijs, im Leid das Glück zu suchen, nicht
auch dem Zeugnis des Apostels Paulus, wie es uns in seinen Briefen an die
Korinther überliefert ist? Und wer sagt, dass gerade uns diese Erfahrung erspart
bleiben soll?
3. Versöhnung ist
möglich – auch wo Hass herrscht
Wie oben bereits erwähnt,
hatten wir damals ein kirchliches Kinder- und Jugendzentrum errichtet, in dem in
jeder Woche etwa 120 Jugendliche ein- und ausgegangen sind. Die dortige Arbeit
mit den jungen Leuten lag in meiner Obhut, aber die Junge Gemeinde war nicht nur
in ihrem Jugendzentrum tätig und mit sich selbst beschäftigt. Sie war es auch,
die damals als erste Initiativ-gruppe umgestürzte und von den Nazis zerstörte
jüdische Gräber von jahrzehnte altem Unterholz befreite, bevor dann Jahre später
ein Teil des ehemaligen jüdischen Friedhofs wieder neu entstehen konnte. Für uns
in der Jungen Gemeinde war diese Arbeit zugleich ein Anlass zu einer intensiven
Auseinan-dersetzung mit dem vormals existierenden jüdischen Leben in Deutschland
im allgemeinen und in der Stadt Neuruppin im besonderen. In diesem Zusammen-hang
lasen wir auch die Autobiographie der Holländerin Corrie ten Boom[3],
die im besetzten Holland Juden vor den deutschen Truppen versteckt und ihnen zur
Flucht verholfen hatte. Sie war dann verraten worden, kam in das
Frauenkon-zentrationslager Ravensbrück und war Ende 1944, wohl infolge einer
Ver-wechslung, entlassen worden. Kaum war der Krieg zu Ende, da reiste sie
wieder – diesmal freiwillig – nach Deutschland, um im Lande der Mörder ihrer
Familie die Versöhnung zu predigen, erfüllt von einer bedingungslosen Liebe zu
den ehemaligen „Feinden“, ja zu allem, was lebt, und erfüllt von einem tiefen
Gottvertrauen. Und als 86jährige führte sie noch kurz vor dem Ende ihres Lebens
selbst die Regie, als die Tragödie ihres Leben verfilmt wurde.
Die Initiative der Jungen
Gemeinde führte schließlich auch dazu, dass wir in Kontakt mit einigen jüdischen
Kommunisten und deren Hinterbliebenen, die sich in Neuruppin lange nicht als
solche zu erkennen gegeben hatten, kamen. Ich traf mich in jenen Tagen einige
Male mit Frau S., deren Mann als Jude und Kommunist jahrelang in einem
Konzentrationslanger interniert war. Nach dem Krieg hatte er die
Elektro-Physikalischen Werke Neuruppin, den sozialistischen Mustergroßbetrieb
der Stadt, aufgebaut und geleitet. Aufgrund seiner antifa-schistischen
Vergangenheit war er für diese Aufgabe und ein Leitungsamt geradezu
prädestiniert. Wir sprachen über die Lebenswege und das persönliche Schicksal.
Dann bat mich Frau S. um das Buch von Corrie ten Boom, über das wir in unserem
Gedankenaustausch gesprochen hatten. Sie war überwältigt von diesem
Glaubenszeugnis und der Kraft der Liebe Gottes, die Menschen so radikal zu
verändern in der Lage war, dass sie das alte Gesetz Auge um Auge, Zahn um Zahn
zu überwinden vermochten. Sie selbst erlebte an diesem Buch zum ersten Mal, so
ihre Worte, dass jemand, der seinen Tod durch den Henker vor Augen hat, nicht
dem Hass verfällt, sondern sich dazu durchringt, auch diesen Menschen zu lieben
und sich mit ihm zu versöhnen. Und sie gestand mir, dass sie zeitlebens darunter
gelitten hätte, dass der Motor für das gesellschaftspolitische Engagement der
alten Antifaschisten um den Kreis ihres Mannes nicht die Liebe, sondern der Hass
auf die alten Feinde gewesen sei. Und gemeinsam fragten wir uns dann, ob die
damals allgegenwärtige Angst vor der DDR und ihrem Regime nicht sogar darin
begründet sein könne.
Nur die Liebe kann die
Gewalt überwinden; Vergeben und Verzeihen ist der erste Schritt, um von einem
Gegeneinander zu einem Miteinander zu finden. Das war eine Lektion fürs Leben,
die ich damals lernte! Auf diese Weise erkannte ich die tiefe Bedeutung eines
der zentralen Gebote Jesu, die mir bald auch bei Erfahrungen in ganz anderen
Lebensbereichen persönlich aufging, so als ich beim Blick in die Stasi-Akten
entdeckte, dass ich jahrelang von Freunden, kirchlichen Mitarbeitern und
Verwandten bespitzelt worden war[4],
und dann noch einmal, als ich das Scheitern meiner Ehe erlebte.
Ich war einer der ersten
nicht prominenten DDR-Bürger, die sofort nach dem
Inkrafttreten des
Stasiunterlagengesetzes ihre Stasi-Akten einsehen durften. Die Behörde ging in
meinem Falle davon aus, dass sie vollständig erhalten geblieben waren; und
meine Einsichtnahme erfolgte zu einer Zeit, als sie dem Leser noch nahezu
„unaufbereitet“, also ohne die Entnahme von Blättern, die eher dem Kontext oder
andere Personen seines Umfeldes betrafen, vorgelegt wurden. Sechsundzwanzig
Inoffizielle Mitarbeiter lieferten der Staatssicherheit der DDR ihre Berichte zu
meiner Person, die auch mein intimes Leben bloßlegten. Das zu entdecken zog für
mich bittere Enttäuschung und tiefe Erschütterungen nach sich. Wie sollte ich
mit diesen Verletzungen umgehen und wie mit den seelischen Wunden weiterleben?
Schließlich suchte ich das Gespräch mit den mir persönlich nahestehenden
Inoffiziellen Mitarbeitern und erlebte dabei, dass Versöhnung möglich ist.
Ich möchte nicht in dem
Sinne missverstanden werden, als ginge es mir „ledig-lich“ um die einzelne Tat,
um den Schritt auf meine „Verräter“ zu. Im Vollzug dieses Prozesses entwickelte
sich in mir das, worauf es schließlich ankommt: eine neue Gesinnung. Die Bibel
spricht hier von Buße. Schon auf die Frage der nach Rat suchenden Menschen: was
sollen wir tun? antwortet der Täufer Johannes: „Tut Buße!“. Es geht darin um die
Veränderung des ganzen Lebensstils, um einen neuen „Geist“[5],
der in der Liebe, im Frieden, in Freude, Geduld, Güte und Sanftmut zum Ausdruck
kommt, alles in allem die Begleiterscheinung eines neuen verwandelten Lebens in
der Gemeinschaft mit Christus. Dieses Leben ist eine Antwort darauf, dass
Gott sich mit uns versöhnt hat und dieser Geist der Versöhnung nun auch in
uns lebt und wirkt.[6]
Im Rückblick auf die Zeit
vor der Wiedervereinigung kann ich sagen: Wir erkennen heute, dass man die
DDR-Diktatur mit der Diktatur des Hitler-Regimes nicht einfach gleichsetzen
kann. Dennoch ist es so, dass das Prinzip der Überwachung und eine Vorstellung
vom Feind im Inneren des Staates, hier wie dort existierten. Diesem Bild vom
„inneren Feind“ entsprach ich in der DDR durchaus, und ihm entsprach auch mein
jüdischer Freund Jizchak Schwersenz
in der NS-Zeit. Er war
Pädagoge und hatte zudem bis Anfang 1944 im Berliner Untergrund eine jüdische
Kindergruppe geleitet. Sieben Jahre nach der Wende tauschten wir unsere
Geschichten aus und lasen sie. Als wir uns danach wieder trafen, gestanden wir
uns, dass wir beide beim Lesen weinen mussten. Und mit meinem jüdischen Freund
Jizchak Schwersenz verband mich noch etwas anderes – das Wissen um Gottes Kraft!
Und mit dieser Kraft hatten wir in der Schule unseres Lebens zu rechnen gelernt,
jeder unter seinen Bedingungen.
Was
mein eigenes Erleben der DDR-Zeit anbetrifft, erscheint mir auch heute noch ein
Traum aufschlussreich, den ich am 15. Januar 1988 – inzwischen wohnte ich in
Potsdam – aufzeichnete, nachdem ich schweißgebadet erwacht war:
„Es war stockfinstere Nacht. Ich ging allein durch die menschenleeren Straßen
der kleinen Stadt. Alle hatten sich schon längst in ihre Häuser zurück gezogen.
Nur ich war unterwegs gewesen, wie ich schon immer unterwegs war. Der Krug geht
zum Brunnen, bis er bricht. So ging ich über das jahrhundertealte
Kopfsteinpflaster. Die Zeiten hatten den Steinen ihre Kanten längst
abgeschliffen. Wind und Wetter hatten den Boden gehoben und gesenkt. Diese alte
Straße glich dem Lebensweg. Ich ging ihn und war allein unterwegs.
Totenstille herrschte in
der nächtlichen Stadt. Da war mir, als hörte ich Schritte. Ich blieb stehen.
Totenstille. Auch der Klang der vermeintlichen Schritte verstummte. War es nur
das Echo meiner eigenen Schritte gewesen, das nun verklang? Ich setzte meinen
Weg fort. Da war es wieder. Nein! Es ging noch jemand in der Stadt umher. Der
Mond zeigte sich hinter schweren Wolken. Ich ging weiter durch die schmalen
Gassen, vorbei an den alten Fachwerkhäusern zur rechten und zur linken. Der Wind
wehte. Es wurde kalt. Dann zog der Mond an den Wolken vorbei. Es wurde heller,
unheimlich hell. Jetzt erst sah ich die alten Steine deutlich unter meinen
Füßen, dann meinen Weg klar vor Augen. Und dann sah ich sie! Es war also nicht
das Echo meiner Schritte, das ich gehört hatte. Sie waren es. Nun gab es keinen
Zweifel mehr. Ich hatte ihre Schatten gesehen. Wie lange verfolgten sie mich
schon? Seit diese Nacht begann oder schon immer? Es blieb mir keine Zeit zum
Überlegen. Ihre Schatten erscheinen jetzt in allen Straßen und Gassen. Ich
begann zu laufen, der alten Kirche mit den hohen Türmen entgegen. Sie folgten
schneller. Angstschweiß lief mir über den Nacken. So erreichte ich das Portal.
Die große Tür fiel hinter mir wieder ins Schloss. Sie hatten den Schlüssel und
folgten mir. Ich lief zum Turm. In aller Eile nahm ich die Stufen der schmalen
Turmtreppe. Über dem Gewölbe angekommen, hörte ich ihren Lärm in Schiff und
Chor, und nun auch auf der Treppe. Ich setzte meinen Weg fort, an der Turmuhr
vorbei, und kam auf der Plattform an. Es drängte mich zum Fenster. Ich öffnete
die schweren Flügel und sah den See zu meinen Füßen liegen.
Dort draußen kämpfte der
neue Tag mit der alten Nacht. Gleich würden sie mich fassen. Da breitete ich
meine Arme aus und flog davon. Unter mir blickten meine Widersacher aus den
Turmfenstern ins Leere. Alle waren sie gekommen. Galante Denunzianten. Und der
Henker hielt das Schwert in der Hand. Sie aber blickten ins Leere, während ich
dem Licht entgegen flog. Der neue Tag hatte gesiegt. Sie hatten den Schlüssel,
aber sie konnten nicht fliegen.“[7]
Da war er also wieder –
der rote Faden. Es ist eigenartig, und ich hätte es nie zuvor gedacht, dass das,
was unser Leben trägt, seine Tragkraft erst dann von neuem erweist, wenn die
Unwägbarkeiten des Lebens bedrohliche Formen annehmen. Zu dieser Feststellung
gelangte ich unter zwei Voraussetzungen: einmal bedurfte es der eigenen
Erfahrung des Ausgeliefertseins, und zum anderen der Begegnung mit Menschen, die
mir die Augen öffneten und mir Mut machten, auf die Kraft Gottes zu vertrauen.
Zu jenen Menschen gehörten auch Hans Bernhard und Sigrid Kaufmann.
Die Risse in den
zwischenmenschlichen Beziehungen, die nach dem Blick in die Stasi-Akten
entstanden, gingen bis in das private Leben hinein. Aufgrund seiner eigenen
Lebenserfahrung hatte mich Hans Bernhard Kaufmann ermutigt, die Wahrheit nicht
um eines falschen Friedens willen zu verbiegen, sondern die Begegnung mit den
Inoffiziellen Mitarbeitern der Stasi, die mich bespitzelt hatten, zu suchen. Sie
waren mir ausgewichen, und keiner hatte von sich aus mit mir Kontakt
aufgenommen. Einige dieser Begegnungen führten, wie schon erwähnt, sogar zu
einer Erneuerung unserer Beziehung. „Am Scheitern leben und glauben lernen“[8],
das ist m. E. das Motto für einen jeden, der sich nicht mit Lebenslügen
arrangieren will, sondern nach Gott fragt, um nach seinem Willen zu leben. Aber
was bedeutete es: Sich – ehrlich –zu - machen für ein Wirken im öffentlichen
Leben in einem wiedervereinigten Deutschland?
4. Versuch einer
Neuorientierung
Die Brüche, die mit der
sogenannten Wende und der Vereinigung der beiden Staaten einher gingen,
erforderten eine Neuorientierung; nicht dass man als geborener DDR-Bürger an
seinem alten Status festhalten wollte, aber dass die tiefgreifenden
gesellschaftlichen Veränderungen auch einem selbst so viel abverlangen würden,
hatten viele Menschen zuvor nicht bedacht. Auch ich nicht.
Im persönlichen Leben
entschied ich mich nach der Scheidung für ein Single-dasein, das meiner
Einsiedlernatur entsprach. Im beruflichen Leben trat mein Interesse an der
Bildungsarbeit in den Vordergrund, so dass ich nach einer kurzen Phase der
Weiterbildung nun als Lehrer und in meiner Vortragstätigkeit Erfüllung finde.
Eine zentrale Erfahrung war
für mich die Veränderung meiner Rolle als
kirchlicher Mitarbeiter. In
der DDR war die Kirche, in der ich früher mein Zuhause gefunden hatte, ein Teil
der Opposition, womit ein gewisses Gegen-Leben vorprogrammiert war. Im
demokratischen System der BRD bleibt die Stellung der Kirche im Grunde diffus.
Auch ich kam schließlich in dieser neuen Welt an, und spielte eine Zeitlang
einige mir angetragene Rollen. Ja, als ein gesellschaftliches Rollenspiel
erscheint mir dieses Leben heute. Als ich als Schöffe tätig war, bin ich mir
dessen erstmalig bewusst geworden. Bald danach wurde ich als Parteiloser für
fast eine gesamte Legislaturperiode in die Kommunalpolitik gewählt. Mir war
wichtig zu erproben, ob es möglich ist, dabei – in einem moralischen Sinne –
integer, „sauber“ zu bleiben. Meine Enttäuschung darüber, dass man in
öffentlichen Ämtern meist nur das kleinere Übel wählen kann, anstatt das Gute
zuwege zu bringen und dass ich Entscheidungen, die mehrheitlich zustande kommen,
mittragen muss, auch wenn sie meinem Gewissen zuwider laufen, war groß. Nicht
die persönliche Wahrhaftigkeit und Ehrlichkeit waren anscheinend in der Politik
gefragt, son-dern die Koalitionsbereitschaft einer Partei und damit das
Machtstreben und die Möglichkeit zur Einflussnahme, um sich auf diese Weise
gegebenenfalls über andere auch hinwegzusetzen! Funktioniert das demokratische
Prinzip im politi-schen Alltagsgeschäft nur auf diese Weise ?
Wenn ich recht überlege,
könnte die Lösung ja auch darin liegen, dass ich in einem öffentlichen Amt oder
in Gremien, in die ich gewählt werde, vor allem den Auftrag habe, meine
Erfahrung und Sachkenntnis einzubringen, ohne in den Entscheidungen dem
Opportunismus zu verfallen, selbst wenn ich auf Seiten der Minderheiten stehen
würde und Nachteile in Kauf nehmen müsste. Ist das so?
Richtig ist auch, dass mein
philosophischer Lehrer Bruno Wille gewisse Instrumente politischen Handelns
als „unreine Mittel“ entlarvt?[9]
Unreine Mittel sind alle Methoden und Techniken oder Tricks, durch die die
Entscheidungen und / oder die Betroffenen auf mehr oder weniger raffinierte
Weise manipuliert werden. Mir wurde klar, wie oft das geschieht und dass auch
ich mich so man-ches Mal daran beteiligt hatte. Dieser „unreinen Mittel“ wollte
ich mich nicht länger bedienen, um auf diese Weise „politikfähig“, „kompetent“
zu sein. Mehr und mehr wuchs mein Schamgefühl darüber, dass ich meine Rolle auf
diesem Parkett wie viele andere einfach so mitgespielt hatte.
Mein Unbehagen äußerte sich
in der Frage: Wie kann ein Mensch in dieser Gesellschaft überhaupt seinen
Glauben leben, ohne sich auf einen sektenhaften religiösen Zirkel zurückzuziehen
oder aber sich in irgendeiner Form mit dieser Welt gleichschalten zu lassen, und
dabei die christliche Überzeugung preis zu geben? Ich versuchte noch einmal
tiefer zu graben. Was macht Mittel, Methoden
und Werkzeuge eigentlich „unrein“? Und auf einmal
wurde mir klar: Sie sind es nicht an sich selbst, sondern die Motive und Ziele
der Menschen, die damit umgehen, färben auf sie ab und verändern damit ihren
Charakter! Hier erst verläuft die Grenze, auf die mein Gewissen reagieren muss.
In meiner Erinnerung sah ich jetzt noch deutlicher, wo ich mein Tun wirklich
verantwortet habe oder es durch „unreine“ Motive wie Eitelkeit, Ehrgeiz und
Parteilichkeit, Mangel an Zivilcourage oder falschen Eifer „verdorben“ habe.
Meine Überlegungen mündeten schließlich in der Frage, ob es denn so etwas wie
eine Weltanschauung Jesu gegeben habe, durch die er seine Welt, in der es
doch auch nach dem Gesetz Auge – um - Auge und Zahn – um – Zahn zugegangen war,
zu überwinden vermochte. Denn soviel war mir im Laufe der Zeit klar geworden,
dass ein lediglich verinnerlichter Glaube, der sich religiös im liturgischen
Geschehen und politisch im Glauben an das Grundgesetz erschöpfte, überflüssig
sei.
Im weiteren Nachdenken
wurde mir klar, dass diese Fragestellung
ja auch Jesus und die Autoren des NT schon beschäftigt hat. Sie beschreiben die
christliche Existenz, indem sie zwei Dimensionen unterscheiden, aber nicht
trennen: Ihr Leben ist ein Leben „in der Welt, aber nicht von der Welt“. Als
Menschen leben sie unter denselben Bedingungen wie andere auch, und doch ist
das, was den Sinn ihres Lebens ausmacht, durch die Erfahrung und den Glauben
bestimmt, dass Gott wie ein Vater ist, von dem alles herkommt, der mich liebt
und auf den alles hinführt, sodass einer sein Leben zuversichtlich ihm ganz
anvertrauen kann. Deswegen ist Paulus der Meinung, es geht nicht darum, die Welt
zu verlassen, wohl aber, sich nicht ihren Massstäben zu unterwerfen, sondern die
Einstellung zu erneuern, um Gottes Willen zu erkennen und dann dem entsprechend
zu leben und zu handeln.
5. Die neue Sichtweise
Jesu
Und damit ist nun eng
verbunden, wie ich eine neue Antwort auf
meine Frage nach einer neuen Orientierung für mein Tun und Lassen finde. In
dieser kriti-schen Situation befand ich mich, als die Wende bereits 12 Jahre
zurücklag.
Wieder wurde mir eine
Stelle aus dem Johannesevangelium zur Offenbarung. Es war das 9. Kapitel, in dem
von der Heilung eines Blindgeborenen berichtet wird. Jesus ist mit seinen
Jüngern unterwegs, als sie dem hilflosen blinden Menschen begegnen. Es ist ein
erbarmenswürdiger Anblick, so dass die Jünger darüber miteinander ins Gespräch
kommen und schließlich ihren Meister nach der Ursache für diese Behinderung
fragen. Beim Lesen dieses Textes begriff ich plötzlich, dass dies, was die
Jünger taten, vergleichbar ist mit dem Vorgehen der Jugend- und Sozialpolitik:
vorhandene Mängel registrieren und darüber reden, Ursachenforschung betreiben
und dann – soweit vorhanden - Förder-mittel bereitstellen und/oder neue Stellen
für soziale Arbeit schaffen. Und ich erkannte, dass selbst sog. „präventive
Maßnahmen“ letztendlich auf kluge Ana-lysen zurückgeführt werden, also
rückwärts gewandt sind. Sie bewirken oft so wenig, weil sie sich im Kreise
drehen und der Blick befangen ist. So blieben auch die Jünger mit ihrer
Diskussion des Problems der Blindheit, „blind“ für eine Rehabilitation dieses
Blinden, der ihnen gegenüber steht. Es mag hart klingen, aber es ändert sich
dadurch nichts! So erschien es mir auch bei all meiner politischen Tätigkeit.
Ich las die Fortsetzung
der Geschichte und stellte fest, dass Jesu Sichtweise von der Auffassung
der Jünger grundverschieden ist. Die Auseinandersetzung im ganzen Kapitel geht
im Grunde bei allen beteiligten Gruppen: die Jünger – die Nachbarn und
die Leute – Pharisäer – Eltern und zentral bei dem Blinden selbst immer um das
Sehen, um ein neues Sehen, zu dem es aber nicht kommt, weil alle (außer dem
Blinden) sich selbst und denen, die sie fragen, aus Angst und Menschenfurcht
die Wahrheit nicht eingestehen wollen. Der Blinde wird sogar von den Pharisäern
mit der Drohung unter Druck gesetzt, ihn aus der Synagoge auszustoßen, wenn er
nicht leugne, dass Jesus ihn mit Gottes Hilfe geheilt hätte. Er bleibt dabei -
„und sie stießen ihn aus“.
Jesus fasst diese
dramatische Geschichte schließlich so zusammen: „Zum Gericht bin ich in diese
Welt gekommen, dass die, die nicht sehen, sehend und die Sehenden blind werden“
(9,39). Diese Zuspitzung zeigt, worum es geht: Sie knüpft unmittelbar an den
Anfang an. Angesichts der Begegnung mit dem Blinden lässt sich Jesus auf die
üblichen Analysen und Diskussionen nicht ein. Sein Blick ist nach vorn
gerichtet und er fordert die Jünger auf, ihren Sinn, ihr Nachdenken und
ihr Handeln auf die Zukunft auszurichten. Darin liegt sein Auftrag von Gott,
an dem die Jünger Anteil haben.
Die Geschichte von dem
Blindgeborenen und die unerträgliche, geradezu perverse Diskussion aller
Beteiligten, die schließlich zum selbstgerechten Streit wird, spotten dem Elend
des Blinden Hohn. Dass es dabei um die Barmherzigkeit Gottes geht, der sich im
Handeln der Menschen offenbaren will, wird völlig vergessen. Jesus sagt hart
aber fair: Erst wer umkehrt, sieht überhaupt, worum es geht! Und wer das sieht,
ist bereit am Wirken Gottes im Dienst am Menschen teilzunehmen. So will er die
Jünger in sein Wirken mit hinein nehmen: „Wir müssen die Werde dessen wirken,
der mich gesandt hat, solange es Tag ist. Es kommt aber die Nacht da niemand
wirken kann.“ (9, 4). Das ist auch mein Auftrag, von dem her sich alles
entscheidet - „Solange es Tag ist.“ Also, kauft die Zeit aus, solange
noch Zeit ist. Denn es kann zu spät sein.
Durch die Vertiefung in
diese Geschichte stellte ich fest, dass es so etwas wie eine Weltanschauung Jesu
tatsächlich gibt. Damit änderte sich allmählich auch meine eigene
Grundeinstellung. Ich zog während dieses Erkenntnisprozesses die Konsequenz und
verabschiedete mich von allen gesellschaftlichen Aufgaben, die nicht dem Wirken
Gottes entsprechen, vor allem dort, wo ich begriffen hatte, dass Politik nur
rückwärts gewandt ist. Das wird für mich durch den Verlust des Humanen in
unserer Welt am Deutlichsten, man denke nur an die Zunahme von Gewalt. Die
Antwort der Politik ist konsequenterweise der Überwachungsstaat. Den Fachleuten
bleibt, über die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu streiten.
6. Die Begegnung mit
Tolstoi und ihre Folgen
Ich war entschlossen neue
Wege zu gehen. In dieser Zeit der Neuorientierung begegnete ich Arun Gandhi,
einem Enkel von M. K. Gandhi, der mich auf die Lehre von der Gewaltlosigkeit
verwies. Die Worte seines Großvaters „become the change you wish to see in the
world“[10]
trafen mich tief im Herzen. In dem Gespräch erklärte mir Arun Gandhi dann, dass
das Werk seines Großvaters in der Lehre Tolstois seine Wurzeln gehabt hätte.
Tolstoi entdeckte im 5. Kapitel des Matthäusevangeliums, der Bergpredigt, fünf
(neue) Gebote Jesu[11],
die für ihn so etwas wie „Ausführungsbestimmungen“ für eine Veränderung der
Gesellschaft durch das reine Mittel gewesen sind. Welche Gebote sind das?
1.
„Ihr wisst, dass die Überlieferung der Väter fordert: Du sollst nicht
töten! Wer aber tötet, der sei dem Gericht übergeben. Ich aber sage euch:
Schon wer seinen Zorn am anderen auslässt, soll vor ein Gericht. Wenn einer
etwas gegen den anderen hat, dann versöhnt euch noch ehe ihr eure Gaben am Altar
niederlegt. Und in einem Rechtsstreit verständigt euch, noch ehe es zum Prozess
kommt.“
2.
„Ihr wisst, dass es heißt: Du sollst nicht ehebrechen! Ich aber
sage euch: Jeder der eine Frau ansieht und sie begehrt, hat in seinem Herzen
schon Ehebruch begangen.“
3.
„Weiter habt ihr gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst
keinen Meineid schwören, sondern dem Herrn deinen Eid halten! Ich aber
sage euch: Ihr sollt überhaupt nicht schwören, denn es steht nicht in
deiner Macht, auch nur ein einziges Haar weiß oder schwarz werden zu lassen.
Euer Ja sei ein Ja, und euer Nein sei ein Nein. Jedes weitere Wort ist vom
Übel!“
4.
„Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Auge um Auge, Zahn um Zahn!
Ich aber sage euch: Leistet dem, der Böses tut, keinen Widerstand! Nein!
Wenn dich einer auf die rechte Backe schlägt, dann halte ihm auch die andere
hin. Und wenn dich einer nötigt, eine Meile mitzugehen, dann geh mit ihm zwei.
Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht ab von dem der von dir borgen
will.“
5.
„Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: Du sollst deinen Nächsten lieben
und dienen Feind hassen! Ich aber sage euch: Liebt eurer Feinde und
betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Sohne und Töchter eures Vaters im
Himmel seid, denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und
lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte. Wenn ihr liebt, die euch lieben,
ist das der Rede wert? Tun das nicht die Zöllner auch? Und wenn ihr nur eure
Brüder grüßt, was tut ihr dann Besonderes?“
Dabei kam Jesu Wort vom
„Nichtwiderstreben des Bösen“ eine zentrale Bedeutung zu. Tolstoi fand darin
Jesu Anweisung auf Gewalt eben nicht mit Gewalt zu antworten. Zwei
Missverständnisse sind dabei von vornherein auszuschließen: a) Diese Antwort auf
erfahrene Gewalt ist weder Passivität noch Unterwerfung. b) Und diese Antwort
auf erfahrene Gewalt ist auch keine listige Strategie, die nur auf eine andere
Weise Angst und Schrecken verbreiten will. Es geht hier auch nicht um eine
allgemeine Methode, hat doch Jesus diese Thematik bewusst personalisiert. Er
redet von dem, der Böses tut, und dem der darauf reagiert. Im Hören auf die
Stimme des Gewissens findet der Mensch die Antwort auf das was er tun soll –
grundsätzlich, und im jedem Falle.
Dennoch gab es für Tolstoi
hierbei ein Schlüsselerlebnis. Und dabei „entdeckte“ Tolstoi die Stimme des
Gewissens, bzw. das Hören auf die Stimme des Gewissens, wieder neu! - Als er
bei einer Volkszählung im Jahre 1881 die Elendsquartiere Moskaus besuchte, und
in die tiefsten Abgründe menschlichen Leids blickte, organisierte er
unverzüglich eine groß angelegte Geldsammlung, um die Not jener Menschen zu
lindern, und diesen Ärmsten der Armen ihre Existenz zu sichern. Dabei musste er
bald feststellen, dass das gesammelte Geld auch in diesem Falle in die Taschen
derer gelangte, die es zuvor einmal „gelernt“ hatten, sich „ihren Teil zu
sichern“. Nach dem er feststellen musste, dass es in vielen Fällen eben so ist,
dass das Geld nicht dort ankommt, wo die Not am größten ist, zog der den
Schluss, dass auf diesem Wege dem Elend und der Armut nicht beizukommen sei. So
entstand sein Traktat Was sollen wir denn tun?
Im Hören auf die Stimme des Gewissens fand er den Ausweg aus dem Dilemma.
Dieser Erkenntnis folgte er fortan. Später fügte er hinzu: „Wenn der Mensch
erfährt, was er tun soll, so hat er alles erfahren, was er zu wissen braucht.“
Und er fügte hinzu: „Die Stimme des Gewissens ist die Stimme Gottes.“
Fünf Jahre später – nach
intensivem Studium der Bibel und einer eigenständigen Neuübersetzung der für ihn
wichtigsten Schriften – fügt Tolstoi seine Erkenntnisse und Einsichten in einer
kompakten Darstellung seine Auffassung der Lehre Jesu zusammen. Dabei entsteht
eine kleine Schrift,
die dem Leser durch ihren Stil einiges zumutet. Bei ihrer Niederschrift stellt
Tolstoi fest, dass der Inhalt der Lehre Jesu bereits Gegenstand des Gebetes Jesu
ist und im Vaterunser, wie es uns im 6. Kapitel des Matthäusevangeliums
überliefert ist, enthalten ist. So erscheint ihm das Vaterunser als das Urbild
der Lehre Jesu schlechthin.
Die Tolstoische
Interpretation der Bergpredigt begleitete mich sowohl bei der Auseinandersetzung
mit den Fragen des täglichen Alltags, als auch bei meiner Unterrichtstätigkeit.
Für die älteren Schüler
stellte sich die Fragen danach, was einmal ihren Lebensinhalt ausmachen sollt,
immer deutlicher – in dem Maße als sich das Ende der Schulzeit nähert. Damit
trat auch die Frage nach dem Tun des Menschen und der Rolle des Gewissen in den
Mittelpunkt meines Religionsunterrichts. So las ich mit den Schülern der
Sekundarstufen die Volkserzählungen und Legenden Tolstois, um mit ihnen nach
Antworten für das eigene Leben zu suchen. Es waren die Geschichten von Martin
dem Schuster[16]
und die „Drei Fragen“, die den Schülern tiefere Einsichten in das Geheimnis
einer sinnvollen Lebensgestaltung lieferten. Martin der Schuster ist ein
allseits anerkannter und beliebter Mensch in der Stadt, sieht aber, nach dem Tod
seiner Frau und seines Kindes, in seinem Leben keinen Sinn mehr. Erst in der
tätigen Liebe und in der Deutung dieses Tuns durch die von Jesus erzählten
Gleichnisse: „Was ihr einem der Geringsten getan habt, habt ihr mir getan“,
findet er eine Antwort auf die Sinnfrage und schließlich sein Lebensglück
wieder.
Bei den „Drei Fragen“
lernten die jungen Leute einen König kennen, der über-legte, worauf es im Leben
ankomme. Alle klugen Leute vermögen es nicht, ihm mit ihren guten Ratschlägen
eine befriedigende Antwort zu geben. So sucht er schließlich einen Einsiedler
auf, der allerdings nur einfache Leute empfängt. Deshalb muss der junge
Herrscher sein königliches Gewand ablegen. Als der junge Königssohn beim
Eissiedler ankommt, nimmt er diesem den Spaten ab und gräbt dessen Beete um, und
einem in Not geratenen Menschen, dessen persönlicher Feind der Königssohn ist,
rettet er das Leben. Im Tun des Guten findet er die Antwort auf seine brennenden
Fragen. Die richtige Zeit, so heißt es in dieser Legende, sei der Augenblick,
die Gegenwart, das rechte Werk ist immer das Tun des Guten, und der wichtigste
Mensch immer der, der dir gerade gegenüber steht.
Das ist es, was die jungen
Leute dabei entdeckt haben: Die Existenz im Präsenz, und nicht im Konjunktiv –
wie es uns die Medienlandschaft suggeriert -, lässt uns die Erfüllung im Leben
finden. Und die Schüler verstanden Tolstois Botschaft auch so, dass es dabei auf
sie selbst ankomme. Sie begriffen das als eine Befreiung von der Illusion, die
da sagt, dass man sich nur diesen oder jenen Leuten, dieser oder jener Szene
anzuschleißen braucht, um einmal erfolgreich zu sein.
In einer anderen Legende[17],
welche die Schüler lasen, wird von zwei Brüdern erzählt, die in einer Höhle nahe
bei Jerusalem wohnen. Beide leben ganz für die Armen, Witwen und Weisen. Als
einer von beiden einen Haufen Gold findet, vor dessen Anblick sein Bruder
fluchtartig das Weite gesucht hatte, baut er von dem Schatz Hospitäler,
Obdachlosenasyle, und wird schließlich infolge der Weiterentwicklung seiner
sozialen und diakonischen Aktivitäten zum Unternehmer. Als er alles Geld
investiert hat, und die sozialen Einrichtungen in gute Hände übergeben hatte,
will er zurück zu seinem Bruder, hatte er ihn doch nie ganz vergessen können. So
begibt er sich zurück auf den Weg nach Jerusalem. Als er vor die Höhle von
damals tritt, versperrt ihn derselbe Engel, der ihn einst gesegnet hatte, den
Weg. Der (christlich gesinnte) Unternehmer kann es nicht verstehen. Er verweist
auf seine zahlreichen Klienten, denen Hilfe zuteil werden konnte. Darauf
antwortet der Engel: „Derselbe Satan, der dir jenes Gold in den Weg gelegt hat,
hat dir auch diese Worte der Rechtfertigung eingegeben.“ Daraufhin meldet sich
sein Gewissen. Es sagt ihm, dass er seinem unternehme-rischen Tatendrang nicht
Gott zuliebe gefolgt sei! – Soweit diese Legende.
Das Tun kann nur dann
wirklich Gutes bewirken, wenn es mit reinem Herzen und Gewissen getan wird und
nicht aus einem Schuldgefühl heraus geschieht, das sich Angesichts der fremden
Not und des eigenen Überflusses zu Wort meldet.
Tolstoi räumt auf diese
Weise mit einem weit verbreiteten Irrtum unserer Tage auf, nämlich dem, dass
Geld und Besitz die sozialen Probleme lösen können. Das erkannten auch die
Schüler. Und ich wieder einmal musste an Frau Schilka denken.
So schloss sich für mich
ein Kreis. Und so fand ich den gesuchten roten Faden wieder. Es ist der Pfad,
auf dem der Mensch die Liebe Gottes findet, und selbst aus dieser Liebe heraus
agiert. Auf diese Weise zeigt Gott den Menschen, was sie tun sollen.
In
der Bergpredigt wird dieser Pfad „der schmale“ genannt. Dass das Betreten dieses
Pfade, auf dem sich dem Pilger auch der Wille Gottes erschließt, eine
persönliche Entscheidung voraus setzt, führt uns Tolstoi in einem kleinen Dialog[18]
recht anschaulich vor Augen:
Ein Mensch fragte einen
anderen, weshalb er eine Sache tue, die ihm widerstrebe.
„Deshalb, weil alle es so
tun,“ gab jener zur Antwort.
„Nun alle handeln doch nicht
so,“ sagte der erste, „ich selbst zum Beispiel, und auch einige andere, auf die
ich dich verweisen könnte.“
„Wohlan, wenn auch nicht
alle, so doch sehr viele, die Mehrzahl der Menschen.“
„Und sag doch mal,“ fragte
neugierig der erste, „von welcher Art von Menschen gibt es mehr auf dieser Welt,
gescheite oder dumme?“
„Natürlich der Dummen.“
„Nun wenn das so ist, so
ahmst du die Dummen nach.“
Klaus Hugler, im Juni 08
|